Fri, 03 Jul 2009

Die U-Bahn als Oper

Als Bernadette auf einem Konzert ihre Mitarbeit an einer Oper am Eichbaum ankündigte, da haben Takatukaland und ich nicht schlecht gestaunt. Ist Eichbaum nicht die abgefuckteste Haltestelle in Mülheim, welche als Negativ-Beispiel von den heimischen Verkehrsbetrieben in der ganzen Stadt auf den Vandalismus-Plakaten an den Pranger gestellt wird?

Eichbaumoper

Aushang zur Eichbaumoper neben den
     Haltestellen-Informationen

Eichbaumoper also? Was erwartet uns da? Eine echte Oper? So ein komisches modernes Zeug? Krach oder Musik oder beides? Klar ist, die Oper läuft während des Regelbetriebs der Stadtbahn, wobei der Takt zu solch später Stunde (20:45+X) nicht mehr der dichteste ist. Für jene, die den Ruhrpott immer noch mit Ignoranz strafen eine kurze Beschreibung der Location: Die U18 ist eine U-Bahn/Stadtbahn, welche zwischen Mülheim/Ruhr und Essen fährt, ein gutes Stück davon inmitten der A40 (also, wo anders ist ein Grünsteifen in der Mitte, bei uns eine Bahn mit Haltestellen).

Ein kleiner Fussgänger-Tunnel, an den
Wänden Graffiti
Einer der Ausgänge

Die Haltestelle Eichbaum ist ein wunderbar hässlicher, verwinkelter Bau, kurz bevor die U18 in die A40 eingefädelt wird. Viel Beton, Metall im Gefängnis-Barock, umgeben von der A40 und deren Zubringern, verfeinert durch Graffiti-Tags von Sprayer-Azubis, gelegen in einem der geliebten Problembezirke. Hier tun sich also Kunstbetriebe aus Gelsenkirchen (Musiktheater im Revier), Mülheim (Ringlockschuppen) und Essen (Schauspiel), aber auch Berlin (Raumlabor) zusammen, um in den Vorwehen der Kulturhauptstadt 2010 eine Oper auf die Beine zu stellen. Interagiert die Oper nun mit dem Stadtteil oder okkupiert das Kunst-Bürgertum mit ihrem Geldbeutel (10-20 Euro für eine der raren Karten) nur einen weiteren Raum?

Seitlicher Blick auf die Tribüne.
Rechts die Haltestelle, auf der linken Seite die Autobahn.
Im Hingergrund die A40

Während die Tagesschau in ihrem Beitrag suggeriert, die Fahrgäste der U-Bahn würden mit einer Oper überrascht und könnten spontan aussteigen und diese sich ansehen, sieht es vor Ort doch anders aus. Besitzer der Eintrittskarten werden mit einem U18-Sonderzug vom Essener Hirschlandplatz nach Eichbaum gefahren. In diesem Sonderzug findet auch schon der Beginn des ersten (und, soweit vorab, besten) Teiles statt. Eine ältere Dame, die einfach an einer späteren Haltestelle (in der Schauspieler umstiegen) zusteigen wollte, wurde vom Fahrer rausgeschmissen. Ganz dicke Minus-Punkte dafür.

Blick von der Haltestelle auf die
Tribüne.

Die Freilicht-Bühne ist am Ende des Bahnsteigs, aus der Haltestelle herausragend, aufgebaut. Als weitere Spielorte dienten noch die Zugangsbrücke zur Haltestelle, sowie das Dach der selbigen. Der Orchestergraben war hinter der Bühne unter der Brücke auf dem Bahnsteig sehr elegant platziert. Während der Oper rauschten LKWs und Autos auf der A40 vorbei sowie überraschend leise U18-Bahnen.

Publikum steigt in die Sonder-U18
Eichbaumoper ein.

Erster Zug

Die Eichbaumoper besteht aus drei kleineren Stücken. Der erste Teil (Die Entgleisung)beschreibt die Sehnsucht der U-Bahn sich nicht stets fortbewegen zu müssen und auch einfach mal, wie die zahlreichen Fahrgäste, an einer Haltestelle aussteigen zu können. Während der Bahnfahrt werden die ersten kleinen Gechichten erzählt und Bernadette La Hengst und Dong-Won Seo sowie der Chor erwarten einen schon auf der Eichbaum-haltestelle zum Finale. Musikalisch und emotional hoch mitreißend.

Eine Sängerin in der U-Bahn
Elise Kaufman singt Afrika

Kleine Bühne am Ende des
Bahnsteigs mit Musikern und Bernadette La Hengst.
Das Finale auf dem Bahnsteig.

Zweiter Zug

Im zweiten Part (Simon, der Erwählte) wird die Geschichte eines Findelkindes erzählt, welches von Russland nach Mülheim aufbricht und dort eine Affäre mit einer Hauswirtin anfängt. Es stellt sich heraus, dass sie seine Mutter ist... Dem Stück hatte mehr Zeit um seine Geschichte entfalten zu können gut getan, denn die Story hechtete doch von Szene zu Szene. Zudem kam der Chor nicht so recht zur Geltung und wirkte zu leise.

Chor auf der Brücken-Bühne
Die Hauptbühne zu Beginn...

Dritter Zug

15 Minuten Gedränge war Name und Programm des dritten Teiles. Die Bruchstücke von Biographien, welche beim Warten auf die Bahn am Bahnsteig präsent sind, wurden hier zu einem Geschichten-Wirrwar verwebt. Diese Fragmente wurden parallel, verschachtelt, ineinander gerückt durch die Opensänger vertont, während eine Horde von Statisten für die passende unruhige Atmosphäre sorgt. Aber leider mochte auch hier – vielleicht auch durch das Spicken auf die Übertitel (Untertitel, nur halt oben) – der Funken nicht überspringen. Vielleicht, wenn die einzelnen Erzähl-Linien (akustisch) besser zugänglich gewesen wären, hätte der Mischmasch der zusammentreffenden Welten mehr Eindruck entfaltet.

Mitwirkende auf der Brückenbühne am
Ende der Veranstaltung
... und am Ende der Oper

Und sonst so..?

Das mag sich vielleicht etwas negativ anhören, aber trotzdem war dieser (mein erster) Opernbesuch ein sehr lohnenswerter Abend. Einen besonders interessanten Aspekt fand ich, die Reaktionen der unfreiwilligen Statisten, also jenen, die einfach zur U-Bahn wollten, aus dieser ausstiegen, oder einfach nur vorbeischlenderten, zu beobachten. Zwei junge Frauen, die auf dem Weg zur U18 zwei Minuten neugierig zuschauten, eine Gruppe Jugendlicher, die sich den doch etwas abstrakten letzten Teil rauchend fast komplett ansahen, ein junger Mann, der sportlich-cool über das Geländer hüpfte statt die Treppe zu nehmen oder eine dem Publikum auf dem Weg zur Bahn zuwinkende Jugendliche.


Die Opernbauhütte, hier als Nebenbühne

Die Nachbarn und die Kulturtouristen

Auch wenn im letzten Stück ein Chor der Nachbarschaft auftritt, scheint die Oper an sich doch recht wenig mit dem Raum, welchen sie in Beschlag nimmt, zu interagieren. Aber das Projekt selbst hat einen Vorlauf, mit Workshops und Kooperationen mit den Anwonhnern. Es blieb aber nicht dabei, ein paar ansässige Sprayer zu bitten, den temporären Containerbau stilecht zu gestalten. Es flossen etwa auch Texte von Anwohnern aus den Songworkshops mit Bernadette in die Stücke mit ein. Die Website dokumentiert einen ganzen Strauß solcher Aktionen (Zeitung, Videodreh, Making-Of). Schade nur, dass diese an dem Abend weitestgehend unsichtbar blieben.

DIY-Kunst

Warum nicht aber solche Kunst-Aktionen durch eigenes Handeln ergänzen. Während der Sonderzug-Fahrt etwa laut telefonieren: "Nee, Alter. Geht gerade nicht. Ich bin in die Oper. Tschüssi." Oder während der Vorstellung einfach vor den Augen aller an einen der Betonpfeiler zu taggen, während vorne die Sänger zum Libretto anstimmen. Sich nicht nur zum Statisten abstempeln lassen, sondern selber etwas beizutragen, auch ausserhalb der gewünschten oder vorhersehbaren Pfade. Damit meine ich aber nicht, solche Stücke zu stören oder gar zu sabotieren, sondern auf eine anarchische Art zu ergänzen.

Draussen und umsonst

Zum Schluss noch der Hinweis, wie das Stück gratis angeschaut werden kann. Seit einfach gegen kurz vor Neun an der Haltestelle Eichbaum. Wenn der Sonderzug einfährt, könnt ihr noch (von außen) dem Gesang der U-Bahn im Zug ein wenig lauschen, sowie Bernadettes Libretto am Bahnsteig selbst. Das Vorspiel, welches sich während der Fahrt abgespielt hat würdet ihr leider verpassen, aber das ist nicht weiter schlimm. Das Publikum wird dann nach oben geführt und dort werden erst die Karten kontrolliert, aber auch nur für den Zugang zur Tribüne. Ihr könnt vom Rand ohne Probleme die gesamte Bühne einblicken und die Zaungäste werden auch nicht verscheucht. Drei-Viertel der Oper ist also gratis zu schauen. Viel Spaß, es lohnt sich.

Themenbereich: /media | Trackback | Kommentare (0) | Link zu diesem Artikel

Tue, 10 Mar 2009

Salut, link-local XMPP

Mac-User haben schon länger in iChat das unscheinbare Bonjour als Protokoll verfügbar. Apple bezeichnet damit ihre Zeroconf-Funktionalität. Ohne Konfiguration (Zero-Configuration) sollen Netzwerkdienste zugänglich sein, etwa Drucker, Dateifreigaben oder eben auch Chat. Diese Technologie ist seit einiger Zeit auch unter Linux und anderen Unixen unter dem Namen Avahi verfügbar.

Der Chat selbst ist eine Abwandlung von XMPP (aka Jabber), wurde in der XEP-0174 spezifiziert und hört auf den Namen link-local XMPP. Eigentlich wird in dieser XEP weniger XMPP spezifiziert, sondern hauptsächlich die Verfahren für das mDNS (Multicast-DNS). Der XMPP-Anteil unterscheidet sich kaum (warum auch) vom "Original", lediglich Authentifizierung beim Server fehlen, die Verbindungen werden zwischen den Chat-Partnern direkt aufgebaut und Online/Offline-Benachrichtigungen werden via mDNS übermittelt. Das Kommunikations-Framework Telepathy implementiert dies in der Komponente mit dem schönen Namen "Salut".

Bildschirmfoto, was ein Chat-Client mit Personen in der Nähe zeigt

Genug der Theorie. Ich wollte mir das ganze anschauen und dazu ein Nokia N810 Internet Tablet mit Maemo und ein Desktop-PC zur Kommunikation via local-link XMPP überzeugen. Auf letzterem ist Ubuntu installiert, welches seit etlichen Versionen Avahi vorinstalliert (was nicht ohne Kontroverse ist). Ausserdem kommt dort als Chat-Client Empathy zum Einsatz, welches wiederum auf Telepathy basiert. Hier genügt es das Paket telepathy-salut zu installieren und ein zusätzliches Konto anzulegen, wo lediglich ein Name eingetragen werden muss (also nicht ganz Zeroconf).

Auch die Chat-Applikation unter Maemo verwendet Telepathy (welches ursprünglich im Auftrag von Nokia für Maemo entwickelt wurde). Leider findet sich in den Standard-Repositories nicht die Erweiterung für Salut. Ich fand aber diesen Blog-Artikel mit einem Verweis auf eine Anleitung, um Salut, Sofia (SIP, mittlerweile per Default dabei) und Haze (Telepathy-Wrapper auf die libpurble von Pidgin). Dieser bin ich zunächst gefolgt, aber ohne Erfolg, da eine Abhängigkeit für Haze nicht erfüllt wurde, was mich aber ja nicht interessiert. Ich habe die benötigten Pakete dann einfach von Hand installiert. Daher meine ich, es reicht via diesem Repository:

deb http://packages.collabora.co.uk/maemo diablo salut

und dem Klassiker Maemo Extras die Pakete avahi-daemon, telepathy-salut und osso-accounts-plugin-salut zu installieren. Anschliessend ein neues Chat-Konto einrichten und da wieder Salut wählen. Wenn sich dieses Konto nicht verbinden will (Status-Icon blinkt grün-rot), liegt es unter Umständen daran, dass Avahi nicht läuft. (Bei mir war es nicht mal installiert... :-) )

Dass nicht während meiner rtcomm-Odysse vielleicht doch etwas wesentliches installiert wurde, kann ich leider nicht versprechen. Try and Error, Kids!

Themenbereich: /digital | Trackback | Kommentare (0) | Link zu diesem Artikel

Fri, 06 Mar 2009

Peter Hartz in der Radiokunst

Leider verbinden viele Leute mit Hörspielen die "Drei Fragezeichen" oder gar Hörbücher wie Harry Potter. Dabei ist das Hörspiel über achtzig Jahre alt und hat ebenso unterschiedliche Werke hervorgebracht wie andere Kunstformen. Vor dem Siegeszug des Fernsehens war es neben Theater und Kino eines der zentralen Unterhaltungsformen. Zu berühmten Hörspielautoren gehören auch etliche renommierte SchriftstellerInnen wie etwa Heinrich Böll oder Ingeborg Bachmann. Hörspiel-Formen reichen von Kinderhörspielen, seichten Krimis über vielschichtige Erzählungen bis hinzu experimenteller Radiokunst. Ich will an dieser Stelle einige Hörspiele aus jüngster Zeit vorstellen, welche sich mit dem neuen Wind im beschaulichen Sozialstaat befassen. Ich will aber auch nicht zu viel verraten, denn ich hoffe, ihr bekommt Lust sie selbst zu hören.

Mehrwert / Viva Kaszanka! (Der Mehrwert steigt)

In diesen beiden Hörspielen von Tim Staffel spielt die Hauptrolle die arbeitslose Schauspielerin Viva Vogelsang. In "Mehrwert" wird Viva Vogelsang von einem Mitarbeiter des Arbeitsministeriums aufgesucht und aufgefordert mit Hilfe eines Aufnahmegeräts ihren persönlichen Mehrwert nachzuweisen. Dazu interviewt sie ihre Eltern, Schwester, Freunde, nimmt aber auch Gespräche mit ihrer Sachbearbeiterin im Arbeitsamt oder ihre ersten Gehversuche bei der Existensgründung als Geschichten-Erzählerin auf. Wir erfahren einiges über Vivas Persönlichkeit und ihr Umfeld, doch wird das das Ministerium von ihrem Mehrwert überzeugen?

"Viva Kaszanka!" ist, wie der Untertitel verrät, die Fortsetzung von Mehrwert. Viva ist diesmal Teil eines europäischen Pilotprojektes "Arbeit und Sozialhygiene" um den Wert der Familie zu stärken. Als Mitarbeiterin eines Freizeitparks wohnt sie mit ihrem zugewiesenen polnischem Ehemann (dessen Namen ich nicht transkribiert bekomme, Jakosz vielleicht?) und Sohn Urs aus der Schweiz in einer künstlichen Familie zusammenlebt. Es gibt natürlich etliche Schwierigkeiten, etwa dass Viva verständlicherweise mit dem fremden Jakosz nicht in einem Zimmer schlafen möchte, aber auch einige Ressentiment ihm gegenüber hat. Der ganze Versuch wird heimlich überwacht, wobei der Controller Andy nach und nach durchdreht. Das solch ein absurdes Experiment nur schiefgehen kann, ist eigentlich offensichtlich. Das Abmühen und "Scheitern" der ProtagonistInnen ist aber trotzdem hörenswert.

Die neue Freundlichkeit / Die Liebespopulistin

Till Müller-Klug und Bernadette La Hengst denken den Hartz'chen Gedanken von "Fordern statt Fördern" konsequent weiter. Der Name des Hörspiels "Die neue Freundlichkeitet" steht für ein neues Programm um die Sozialschmarotzer mit "sanftem" Druck in brave Leistungsträger der Gesellschaft zu verwandeln. Die SachbearbeiterInnen haben sich hinter Türen ohne Klinken von den "Kunden" abgeschottet. Die Wartenummern rattern in einem ungewohnten Tempo durch und alles wird von dem umfassenden Computersystem "Multijob" überwacht. Doch auch die SachbearbeiterInnen stehen unter erheblichen Druck. Fällt ihre Vermittlungsquote zu sehr, dann ist auch ihr Job nicht mehr sicher. Und zwischen zwei Beratungsgesprächen wird stets die Top-Ten der ArbeitsvermittlerInnen durchgegeben. Der frustrierte Arbeitslose Bernd – ausgestattet mit der freundlichen aber nervigen elektronischen Fussfessel Freddy14, die hochmotivierte "Wartezonen-Forscherin" Holly, die subversive Musikerin Adriana und die in die Bedrouille geratene Vermittlerin Sylvia bringen den Laden ordentlich durcheinander bis die Vollbeschäftigungs-Zone verwirklicht ist. Von 20-Minuten-Beschäftigungen und dem "Arbeits-Los" was eine Niete ist.

Die Zusammenarbeit aus "Die neue Freundlichkeitet" haben Bernadette La Hengst und Tim Müller-Klug mit "Die Liebespopulistin" fortgesetzt. Hier treten in einer mehrwöchigen Radiosendung die fiese "Flüsterpopulistin" und die nette "Liebespopulistin" gegeneinander an. Während die Flüsterpopulistin gegen die Zustände im Schlarafenland des Sozialstaates wettert, versucht die Liebespopulistin dem Wahnsinn der Arbeit etwas entgegen zusetzen. Dabei sind einige Schmankerle dabei – etwa eine fiktive Werbung für die Arbeitsagentur oder wie die Liebespopulistin in der Kita erklärt, dass eine Existens nicht mit der Geburt beginnt, sondern der Existensgründung. Im ungewöhnlichen Radio-Duell zieht die Flüsterpopulistin los, um Sozialhilfe-Empfängern ein schlechtes Gewissen einzuflüstern, während die Liebespopulistin im Fünf-Sterne-Hotel mittels eines Flashmobs die Umverteilung des Wohlstands probt. Dabei ist sie der ersten näher als sie sich wünscht und weiß.

Keine Sehnsucht nach Sozialstaat-Romantik

Während Tim Staffel den Umbau des Sozialstaats als Negativ-Utopie weiterdenkt und seine Protagonistin Viva in beklemmende Situationen schickt sind die Hörspiele von Tim Müller-Klug und Bernadette La Hengst ein wenig radikaler und stellen den Sinn von Arbeit und Vollbeschäftigung grundsätzlich zur Disposition. Allen vier Hörspielen ist gemeinsam, dass sie sich nicht die "gute alte Zeit" herbeisehnen, sondern die aktuellen Geschehnisse durch deren Karikatur offenlegen. Sie sind weder plump noch versuchen sie eine Lösung den HörerInnen aufzudrücken. Klar wird: So geht es nicht. Aber was eine Alternative sein könnte, darüber darf und soll mensch noch selber nachdenken. Ganz nebenbei lässt sich bei beiden Produktionen hier und da in Bernadettes neues Album "Machinette" hineinschnuppern und auch der ein oder andere Smash-Hit aus dem Vorgänger "La Beat" taucht auf.

Die vorgestellten Hörspiele sind allesamt vom WDR und zwischen 2006 und diesem Jahr entstanden. Ich bin mir sicher, dass es auch von anderen Sendeanstalten und hoffentlich auch unabhängigen Gruppen tolle Hörspiele gibt. Der WDR bietet jeden Monat Hörspiele kostenlos zum Download an und drei der vorgestellten Hörspiele waren dabei. Wenn euch die Hörspiele interessieren, ihr aber keine Bezugsquelle habt, kann ich sie Euch gerne ausleihen. Schreibt mir bitte einfach eine E-Mail. Darum bitte ich auch, wenn ihr andere interessante Hörspiele kennt, gerne auch Abseits der großen Produktionen von ARD und Deutschlandradio.

Es gibt noch unzählige weitere tolle Hörspiele, von Klassikern, aus der DDR, zu anderen Themen, mal lyrischer, mal poppiger, mal politisch. Ich habe mich aber fürs Erste auf die Hörspiele zu den Arbeitsmarkt-Reformen beschränkt, so bleibt mir auch ein roter Faden. Ich werde an dieser Stelle regelmäßig über weitere Hörspiele schreiben. Für Tipps bin ich immer aufgeschlossen. Nun viel Spaß beim hören.

Link-Tipp:

WDR Hörspiele herunterladen (monatlich wechselnd)

Themenbereich: /media | Trackback | Kommentare (0) | Link zu diesem Artikel

Wed, 04 Mar 2009

Neulich in Neukölln

So ein Spaziergang am Kanal kann manchmal die Wonne sein.

Foto von
Müll auf der Straße und einem Passanten davor. Müll ist eine
Pappkiste mit der Beschriftung Die Wonne, ein Autoreifen und eine
Klobrille

Themenbereich: /voyage | Trackback | Kommentare (1) | Link zu diesem Artikel

Mon, 09 Feb 2009

Und - verdammt nochmal - den Eierkuchen

"Rettet die Wale", das Debüt von Gustav, liegt manchem vielleicht noch im Ohr. Dieses Jahr* hat sie mit "Verlass die Stadt" nun nachgelegt. Ein Anlass auf beide Alben und ihre einzigartige Musik einen Blick zu werfen.

Gustav

Vor zwei Jahren stieß ich auf ein Artikel über Gustav und ihr Debüt-Album Rettet die Wale. Der Titel kam mir etwas hippiesk vor, doch das ist das subtile an ihrer Musik und vor allem den Texten. Im gleichnamige Song heißt es "Rettet die Wale und stürzt das System". Getragen werden Zeilen wie diese oder "Lasst den Kindern ihre Meinung oder treibt sie früher ab" von einem zuckersüßen Gesang, was ihr auch schonmal die Beschreibung "Elektro-Chansons" einbrachte – durchaus positiv zu verstehen.

Wenn Du träumst, träumst Du Dich als widerständiges Subjekt.
Hälst du die Art der Fragestellung für zu unkonkret?
Ist das Versuch und Irrtum?
Ist das der Schlag?
Oder ist das schon die Wirkung?

"Soldatin oder Veteran" aus "Verlass die Stadt"

Gustav ist die Band, das Musik-Projekt, Künstlername von Eva Janitsch. Aufgewachsen ist sie in Linz und wohnt seit einer guten Dekade in Wien. Der Legende nach produzierte sie ihr bereits erwähntes erstes Album auf einem geliehenen Laptop (laut Wikipedia bis auf den Gesang). Ihre Musik ist mal Chanson, mal rockig und hin und wieder auch eine fast epische Sound-Collage. Das ganze gewürzt mit einem guten Schuß elektronischer Musik. Ich lehne mich aber soweit aus dem Fenster hinaus und behaupte, dass die Kompositionen auch jenen Naturen zusagen, welche sonst mit Musik aus dem PC nicht viel Anfangen können. Das sie mit ihrer Live-Band auch ordentlich einheizen kann, dazu komme ich später noch. Daneben arbeitete Sie sowohl mit dem Volxtheater als auch für die Wiener Festwochen. Mit Verena Brückner tritt sie auch als "Agenda Lobkov" mit "music for the working women" auf.

In Linz gibt es viel Polizei
Und trotzdem bin ich allein

"Linzserenade" aus "Rettet die Wale"

Was mich an Gustav vor allem begeistert sind ihre Texte. Es sind lyrische Leckereien, Wortspiele, Jonglieren mit der Sprache ohne inhaltsleer zu sein. Und sie schafft die Gradwanderung, die Texte weder plump noch Aussagelos stehen zu lassen. Manche sind morbide oder klingen zynisch, aber Gustavs melancholische Art löst bei mir keine Lähmung aus, sondern hat was kraftvolles, motivierendes. Sie singt keine Parolen und ihre Lieder bieten etliche Ansatzpunkte zwischen den Zeilen den Subtext zu erfassen. Teilweise ergibt sich die Ironie und Textwitz im Zusammenspiel mit der total kontrastierenden Musik, etwa wie bei "Rettet die Wale" oder "Alles renkt sich wieder ein". Während sie von Tod und Schwefel singt möchte mensch in den Schlaf schunkeln. Nicht zuletzt ist der Alles-oder-nichts Ansatz sympathisch. Sie mahnt nicht paar Ungerechtigkeiten hier und dort an, sondern lässt durchblicken, dass so einiges im Argen liegt.

Herr Filialleiter
Ach bitte sagen sie mir
Wie lange noch verträgt man hier
Die Ideale zum Schafott
Es herrscht Sommerschlussverkauf
Im Selbstbedienungsladen 'Dank sei Gott'

"da, am monop0l" aus "Rettet die Wale"

Zum ersten mal sah ich Gustav live als Vorband von Die Sterne in Düsseldorf im Zakk. Obwohl auch die Sterne mir zusagen, war ich doch vor allem wegen Gustav dort. Ein Teil der Sterne-Fans liess sich auf Gustav erst gar nicht ein und war Bier-schlürfend lautstark in Gespräche verwickelt. Gustav selbst war hinter ihrem Laptop und etlicher Technik versteckt, welche auf einem abenteuerlich wackelnden Tisch stand. Es war toll sie live zu sehen, aber die Bedingungen waren sicherlich nicht die Besten. In diesem Sommer konnte ich Gustav nochmals live sehen, ebenfalls im Zakk. Diesmal allein im kleineren Nebenraum mit eigener Band (Elise Mori und Oliver Stotz). Sie stand wie eine Diva am Mikrofon und schmetterte regelrecht ihre Songs dem Puplikum entgegen, welches vergnügt tanzte. Es fällt schwer Musik oder die Atmosphäre eines Live-Konzertes zu beschreiben. Aber seitdem umschreibe ich ihre Musik mit Elektro-Soul (was wie beim Chanson leider viele nicht positiv verknüpfen) und luge alle paar Wochen auf ihre Website, dass mir ja kein Konzert in der Nähe entgeht (nicht schwierig, da sie diese schöne Provinz nicht mehr besucht hat).

Mach aus den Städten Schutt und Asche.
Ich will nie wieder Sonnenschein.
Ein Menschenleben weg genügt nicht,
Es müssen Gottes Leben sein.

"Alles renkt sich wieder ein" aus "Verlass die Stadt"

Veröffentlichungen

Links

Anmerkung:

* Eigentlich sollte der Text letztes Jahr in den "Barrikade News" erscheinen. Deren Herausgabe verzögert sich derzeit leider.

Themenbereich: /consumption | Trackback | Kommentare (2) | Link zu diesem Artikel

 

[1] 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22  »

Mail-Icon Keywan Najafi Tonekaboni