Schon mal bei den Solderin' Skaters vorbeigeschaut?
Fri, 03 Jul 2009
Die U-Bahn als Oper
Als Bernadette auf einem Konzert ihre Mitarbeit an einer Oper am Eichbaum ankündigte, da haben Takatukaland und ich nicht schlecht gestaunt. Ist Eichbaum nicht die abgefuckteste Haltestelle in Mülheim, welche als Negativ-Beispiel von den heimischen Verkehrsbetrieben in der ganzen Stadt auf den Vandalismus-Plakaten an den Pranger gestellt wird?
Eichbaumoper
Eichbaumoper also? Was erwartet uns da? Eine echte Oper? So ein komisches modernes Zeug? Krach oder Musik oder beides? Klar ist, die Oper läuft während des Regelbetriebs der Stadtbahn, wobei der Takt zu solch später Stunde (20:45+X) nicht mehr der dichteste ist. Für jene, die den Ruhrpott immer noch mit Ignoranz strafen eine kurze Beschreibung der Location: Die U18 ist eine U-Bahn/Stadtbahn, welche zwischen Mülheim/Ruhr und Essen fährt, ein gutes Stück davon inmitten der A40 (also, wo anders ist ein Grünsteifen in der Mitte, bei uns eine Bahn mit Haltestellen).
Die Haltestelle Eichbaum ist ein wunderbar hässlicher, verwinkelter Bau, kurz bevor die U18 in die A40 eingefädelt wird. Viel Beton, Metall im Gefängnis-Barock, umgeben von der A40 und deren Zubringern, verfeinert durch Graffiti-Tags von Sprayer-Azubis, gelegen in einem der geliebten Problembezirke. Hier tun sich also Kunstbetriebe aus Gelsenkirchen (Musiktheater im Revier), Mülheim (Ringlockschuppen) und Essen (Schauspiel), aber auch Berlin (Raumlabor) zusammen, um in den Vorwehen der Kulturhauptstadt 2010 eine Oper auf die Beine zu stellen. Interagiert die Oper nun mit dem Stadtteil oder okkupiert das Kunst-Bürgertum mit ihrem Geldbeutel (10-20 Euro für eine der raren Karten) nur einen weiteren Raum?
Während die Tagesschau in ihrem Beitrag suggeriert, die Fahrgäste der U-Bahn würden mit einer Oper überrascht und könnten spontan aussteigen und diese sich ansehen, sieht es vor Ort doch anders aus. Besitzer der Eintrittskarten werden mit einem U18-Sonderzug vom Essener Hirschlandplatz nach Eichbaum gefahren. In diesem Sonderzug findet auch schon der Beginn des ersten (und, soweit vorab, besten) Teiles statt. Eine ältere Dame, die einfach an einer späteren Haltestelle (in der Schauspieler umstiegen) zusteigen wollte, wurde vom Fahrer rausgeschmissen. Ganz dicke Minus-Punkte dafür.
Die Freilicht-Bühne ist am Ende des Bahnsteigs, aus der Haltestelle herausragend, aufgebaut. Als weitere Spielorte dienten noch die Zugangsbrücke zur Haltestelle, sowie das Dach der selbigen. Der Orchestergraben war hinter der Bühne unter der Brücke auf dem Bahnsteig sehr elegant platziert. Während der Oper rauschten LKWs und Autos auf der A40 vorbei sowie überraschend leise U18-Bahnen.
Erster Zug
Die Eichbaumoper besteht aus drei kleineren Stücken. Der erste Teil (Die Entgleisung)beschreibt die Sehnsucht der U-Bahn sich nicht stets fortbewegen zu müssen und auch einfach mal, wie die zahlreichen Fahrgäste, an einer Haltestelle aussteigen zu können. Während der Bahnfahrt werden die ersten kleinen Gechichten erzählt und Bernadette La Hengst und Dong-Won Seo sowie der Chor erwarten einen schon auf der Eichbaum-haltestelle zum Finale. Musikalisch und emotional hoch mitreißend.
Zweiter Zug
Im zweiten Part (Simon, der Erwählte) wird die Geschichte eines Findelkindes erzählt, welches von Russland nach Mülheim aufbricht und dort eine Affäre mit einer Hauswirtin anfängt. Es stellt sich heraus, dass sie seine Mutter ist... Dem Stück hatte mehr Zeit um seine Geschichte entfalten zu können gut getan, denn die Story hechtete doch von Szene zu Szene. Zudem kam der Chor nicht so recht zur Geltung und wirkte zu leise.
Dritter Zug
15 Minuten Gedränge war Name und Programm des dritten Teiles. Die Bruchstücke von Biographien, welche beim Warten auf die Bahn am Bahnsteig präsent sind, wurden hier zu einem Geschichten-Wirrwar verwebt. Diese Fragmente wurden parallel, verschachtelt, ineinander gerückt durch die Opensänger vertont, während eine Horde von Statisten für die passende unruhige Atmosphäre sorgt. Aber leider mochte auch hier – vielleicht auch durch das Spicken auf die Übertitel (Untertitel, nur halt oben) – der Funken nicht überspringen. Vielleicht, wenn die einzelnen Erzähl-Linien (akustisch) besser zugänglich gewesen wären, hätte der Mischmasch der zusammentreffenden Welten mehr Eindruck entfaltet.
Und sonst so..?
Das mag sich vielleicht etwas negativ anhören, aber trotzdem war dieser (mein erster) Opernbesuch ein sehr lohnenswerter Abend. Einen besonders interessanten Aspekt fand ich, die Reaktionen der unfreiwilligen Statisten, also jenen, die einfach zur U-Bahn wollten, aus dieser ausstiegen, oder einfach nur vorbeischlenderten, zu beobachten. Zwei junge Frauen, die auf dem Weg zur U18 zwei Minuten neugierig zuschauten, eine Gruppe Jugendlicher, die sich den doch etwas abstrakten letzten Teil rauchend fast komplett ansahen, ein junger Mann, der sportlich-cool über das Geländer hüpfte statt die Treppe zu nehmen oder eine dem Publikum auf dem Weg zur Bahn zuwinkende Jugendliche.
Die Opernbauhütte, hier als Nebenbühne
Die Nachbarn und die Kulturtouristen
Auch wenn im letzten Stück ein Chor der Nachbarschaft auftritt, scheint die Oper an sich doch recht wenig mit dem Raum, welchen sie in Beschlag nimmt, zu interagieren. Aber das Projekt selbst hat einen Vorlauf, mit Workshops und Kooperationen mit den Anwonhnern. Es blieb aber nicht dabei, ein paar ansässige Sprayer zu bitten, den temporären Containerbau stilecht zu gestalten. Es flossen etwa auch Texte von Anwohnern aus den Songworkshops mit Bernadette in die Stücke mit ein. Die Website dokumentiert einen ganzen Strauß solcher Aktionen (Zeitung, Videodreh, Making-Of). Schade nur, dass diese an dem Abend weitestgehend unsichtbar blieben.
DIY-Kunst
Warum nicht aber solche Kunst-Aktionen durch eigenes Handeln ergänzen. Während der Sonderzug-Fahrt etwa laut telefonieren: "Nee, Alter. Geht gerade nicht. Ich bin in die Oper. Tschüssi." Oder während der Vorstellung einfach vor den Augen aller an einen der Betonpfeiler zu taggen, während vorne die Sänger zum Libretto anstimmen. Sich nicht nur zum Statisten abstempeln lassen, sondern selber etwas beizutragen, auch ausserhalb der gewünschten oder vorhersehbaren Pfade. Damit meine ich aber nicht, solche Stücke zu stören oder gar zu sabotieren, sondern auf eine anarchische Art zu ergänzen.
Draussen und umsonst
Zum Schluss noch der Hinweis, wie das Stück gratis angeschaut werden kann. Seit einfach gegen kurz vor Neun an der Haltestelle Eichbaum. Wenn der Sonderzug einfährt, könnt ihr noch (von außen) dem Gesang der U-Bahn im Zug ein wenig lauschen, sowie Bernadettes Libretto am Bahnsteig selbst. Das Vorspiel, welches sich während der Fahrt abgespielt hat würdet ihr leider verpassen, aber das ist nicht weiter schlimm. Das Publikum wird dann nach oben geführt und dort werden erst die Karten kontrolliert, aber auch nur für den Zugang zur Tribüne. Ihr könnt vom Rand ohne Probleme die gesamte Bühne einblicken und die Zaungäste werden auch nicht verscheucht. Drei-Viertel der Oper ist also gratis zu schauen. Viel Spaß, es lohnt sich.
Kommentare:
Schon mal bei den

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Saturn