Schon mal bei den Solderin' Skaters vorbeigeschaut?
Fri, 06 Mar 2009
Peter Hartz in der Radiokunst
Leider verbinden viele Leute mit Hörspielen die "Drei Fragezeichen" oder gar Hörbücher wie Harry Potter. Dabei ist das Hörspiel über achtzig Jahre alt und hat ebenso unterschiedliche Werke hervorgebracht wie andere Kunstformen. Vor dem Siegeszug des Fernsehens war es neben Theater und Kino eines der zentralen Unterhaltungsformen. Zu berühmten Hörspielautoren gehören auch etliche renommierte SchriftstellerInnen wie etwa Heinrich Böll oder Ingeborg Bachmann. Hörspiel-Formen reichen von Kinderhörspielen, seichten Krimis über vielschichtige Erzählungen bis hinzu experimenteller Radiokunst. Ich will an dieser Stelle einige Hörspiele aus jüngster Zeit vorstellen, welche sich mit dem neuen Wind im beschaulichen Sozialstaat befassen. Ich will aber auch nicht zu viel verraten, denn ich hoffe, ihr bekommt Lust sie selbst zu hören.
Mehrwert / Viva Kaszanka! (Der Mehrwert steigt)
In diesen beiden Hörspielen von Tim Staffel spielt die Hauptrolle die arbeitslose Schauspielerin Viva Vogelsang. In "Mehrwert" wird Viva Vogelsang von einem Mitarbeiter des Arbeitsministeriums aufgesucht und aufgefordert mit Hilfe eines Aufnahmegeräts ihren persönlichen Mehrwert nachzuweisen. Dazu interviewt sie ihre Eltern, Schwester, Freunde, nimmt aber auch Gespräche mit ihrer Sachbearbeiterin im Arbeitsamt oder ihre ersten Gehversuche bei der Existensgründung als Geschichten-Erzählerin auf. Wir erfahren einiges über Vivas Persönlichkeit und ihr Umfeld, doch wird das das Ministerium von ihrem Mehrwert überzeugen?
"Viva Kaszanka!" ist, wie der Untertitel verrät, die Fortsetzung von Mehrwert. Viva ist diesmal Teil eines europäischen Pilotprojektes "Arbeit und Sozialhygiene" um den Wert der Familie zu stärken. Als Mitarbeiterin eines Freizeitparks wohnt sie mit ihrem zugewiesenen polnischem Ehemann (dessen Namen ich nicht transkribiert bekomme, Jakosz vielleicht?) und Sohn Urs aus der Schweiz in einer künstlichen Familie zusammenlebt. Es gibt natürlich etliche Schwierigkeiten, etwa dass Viva verständlicherweise mit dem fremden Jakosz nicht in einem Zimmer schlafen möchte, aber auch einige Ressentiment ihm gegenüber hat. Der ganze Versuch wird heimlich überwacht, wobei der Controller Andy nach und nach durchdreht. Das solch ein absurdes Experiment nur schiefgehen kann, ist eigentlich offensichtlich. Das Abmühen und "Scheitern" der ProtagonistInnen ist aber trotzdem hörenswert.
Die neue Freundlichkeit / Die Liebespopulistin
Till Müller-Klug und Bernadette La Hengst denken den Hartz'chen Gedanken von "Fordern statt Fördern" konsequent weiter. Der Name des Hörspiels "Die neue Freundlichkeitet" steht für ein neues Programm um die Sozialschmarotzer mit "sanftem" Druck in brave Leistungsträger der Gesellschaft zu verwandeln. Die SachbearbeiterInnen haben sich hinter Türen ohne Klinken von den "Kunden" abgeschottet. Die Wartenummern rattern in einem ungewohnten Tempo durch und alles wird von dem umfassenden Computersystem "Multijob" überwacht. Doch auch die SachbearbeiterInnen stehen unter erheblichen Druck. Fällt ihre Vermittlungsquote zu sehr, dann ist auch ihr Job nicht mehr sicher. Und zwischen zwei Beratungsgesprächen wird stets die Top-Ten der ArbeitsvermittlerInnen durchgegeben. Der frustrierte Arbeitslose Bernd – ausgestattet mit der freundlichen aber nervigen elektronischen Fussfessel Freddy14, die hochmotivierte "Wartezonen-Forscherin" Holly, die subversive Musikerin Adriana und die in die Bedrouille geratene Vermittlerin Sylvia bringen den Laden ordentlich durcheinander bis die Vollbeschäftigungs-Zone verwirklicht ist. Von 20-Minuten-Beschäftigungen und dem "Arbeits-Los" was eine Niete ist.
Die Zusammenarbeit aus "Die neue Freundlichkeitet" haben Bernadette La Hengst und Tim Müller-Klug mit "Die Liebespopulistin" fortgesetzt. Hier treten in einer mehrwöchigen Radiosendung die fiese "Flüsterpopulistin" und die nette "Liebespopulistin" gegeneinander an. Während die Flüsterpopulistin gegen die Zustände im Schlarafenland des Sozialstaates wettert, versucht die Liebespopulistin dem Wahnsinn der Arbeit etwas entgegen zusetzen. Dabei sind einige Schmankerle dabei – etwa eine fiktive Werbung für die Arbeitsagentur oder wie die Liebespopulistin in der Kita erklärt, dass eine Existens nicht mit der Geburt beginnt, sondern der Existensgründung. Im ungewöhnlichen Radio-Duell zieht die Flüsterpopulistin los, um Sozialhilfe-Empfängern ein schlechtes Gewissen einzuflüstern, während die Liebespopulistin im Fünf-Sterne-Hotel mittels eines Flashmobs die Umverteilung des Wohlstands probt. Dabei ist sie der ersten näher als sie sich wünscht und weiß.
Keine Sehnsucht nach Sozialstaat-Romantik
Während Tim Staffel den Umbau des Sozialstaats als Negativ-Utopie weiterdenkt und seine Protagonistin Viva in beklemmende Situationen schickt sind die Hörspiele von Tim Müller-Klug und Bernadette La Hengst ein wenig radikaler und stellen den Sinn von Arbeit und Vollbeschäftigung grundsätzlich zur Disposition. Allen vier Hörspielen ist gemeinsam, dass sie sich nicht die "gute alte Zeit" herbeisehnen, sondern die aktuellen Geschehnisse durch deren Karikatur offenlegen. Sie sind weder plump noch versuchen sie eine Lösung den HörerInnen aufzudrücken. Klar wird: So geht es nicht. Aber was eine Alternative sein könnte, darüber darf und soll mensch noch selber nachdenken. Ganz nebenbei lässt sich bei beiden Produktionen hier und da in Bernadettes neues Album "Machinette" hineinschnuppern und auch der ein oder andere Smash-Hit aus dem Vorgänger "La Beat" taucht auf.
Die vorgestellten Hörspiele sind allesamt vom WDR und zwischen 2006 und diesem Jahr entstanden. Ich bin mir sicher, dass es auch von anderen Sendeanstalten und hoffentlich auch unabhängigen Gruppen tolle Hörspiele gibt. Der WDR bietet jeden Monat Hörspiele kostenlos zum Download an und drei der vorgestellten Hörspiele waren dabei. Wenn euch die Hörspiele interessieren, ihr aber keine Bezugsquelle habt, kann ich sie Euch gerne ausleihen. Schreibt mir bitte einfach eine E-Mail. Darum bitte ich auch, wenn ihr andere interessante Hörspiele kennt, gerne auch Abseits der großen Produktionen von ARD und Deutschlandradio.
Es gibt noch unzählige weitere tolle Hörspiele, von Klassikern, aus der DDR, zu anderen Themen, mal lyrischer, mal poppiger, mal politisch. Ich habe mich aber fürs Erste auf die Hörspiele zu den Arbeitsmarkt-Reformen beschränkt, so bleibt mir auch ein roter Faden. Ich werde an dieser Stelle regelmäßig über weitere Hörspiele schreiben. Für Tipps bin ich immer aufgeschlossen. Nun viel Spaß beim hören.
Link-Tipp:
Kommentare:
Schon mal bei den

prometoys@jwchat.org
Saturn