Auf Grund einiger zweifelnder Blicke befürchte ich ein wenig missverstanden worden zu sein. Daher noch ein paar weiterführende Gedanken.

Zuallererst leugne ich mein kleines Spießertum nicht. Mich nerven hupende Auto-Korsos und gröllende, betrunkene Fans. Die formale Meinungsfreiheit gestattet es mir darüber zu meckern, (fast) wie es mir beliebt. Offensichtlich sind meine Äußerungen folgenlos und daher bitte ich in diesem Punkt mit mir etwas Nachsichtig zu sein, auch wenn meine egoistische Häme als gemein erscheinen mag.

Was mich aber an der WM stört ist mehr. Zum einen wird, mehr oder weniger schleichend, ein neuer Nationalismus eingeführt. Wir Deutschen machen eine tolle WM. "Wir" werden Weltmeister (oder auch nicht). Aber ist die Welt wirklich zu Gast bei Freunden? Es sind Freunde, welche den 20jährigen Züheyir Eke kurz vor der WM in Essen verhafteten, um ihn nochmals in die Türkei abzuschieben. Züheyir kann kein türkisch und hat 18 Jahre in Deutschland gelebt. Ein freundliches Deutschland, welches bei rassistischen Überfällen immer noch die Taten relativiert. Ein moderner Staat, welcher sich weigert verurteilte SS-Kriegsverbrecher nach Italien auszuliefern oder ihnen hierzulande den Prozess zu machen. Ich könnte so weitermachen. Sind denn nun kollektive Vorwürfe an die Deutschland-Fans berechtigt? Ich denke schon. Wer sich am "nationalem" Sieg (oder auch der Niederlage) labt und auf das Konstrukt einer Nation setzt, muss auch die Verantwortung für Handlungen dieses Konstruktes (in einem gewissen Sinne) tragen. Wer a sagt muss auch b sagen. Damit will ich aber nicht all jene, die sich als "Deutsche" begreifen Nationalismus, Rassismus und einen undifferenzierten Umgang mit der NS-Zeit vorwerfen, sondern die Tragweite ihrer Identifikations-Entscheidung deutlich machen. Warum sollte ich mich der Gruppe der "Deutschen" oder "Iraner" zugehörig fühlen. Was verbindet mich mit diesen Menschen. Lieber definiere und identifiziere ich mich über gemeinsame Erfahrungen, Ideen, Meinungen, aber auch einem kulturellen Hintergrund. Letzteres muss (und sollte) nicht an Sprache und Geographie gebunden sein. Warum sollte ich mir meine Peer-Group per Geburt oder Wohnort aufzwängen lassen? Das heißt aber nicht, das ich meine Herkunft verleugne oder nicht halbwegs weiß in welchem Kontext ich lebe. Es ist nur eben nicht an eine Nation gekoppelt.

Ein weiteren Aspekt, den ich auf Grund der Komplexität und bereits fortgeschrittenen Länge dieses Textes nicht weiter ausführen möchte, betrifft die soziale Funktion von der Weltmeisterschaft. Abgesehen davon, dass sie ein enorme Summe Geld kostet, damit andere Leute wiederum eine unheimliche Summe Geld verdienen können bietet sie einen sehr praktischen Katalysator. Für wenige Wochen vergessen "wir" unsere Sorgen und hoffen, feiern und trauern über ein eigentlich nebensächliches Ereignis. Zukunft, Situation, Ausbeutung, Ängste, Nöte, all das rückt in den Hintergrund, weil die WM wichtiger ist (und ich nehme mich davon nicht aus). Sicherlich ist die WM nicht das einzige Ereignis welche diese Funktion erfüllt. Sicherlich lässt sich der Vorwurf auch gegenüber Fernsehen, Büchern und Musik formulieren und solche Ventile sind auch bitter nötig. Nur halte ich es langfristig nicht für positiv, wenn Menschen sich mit solchen, meiner Meinung nicht ganz zufällig organisierten, Ereignissen (WM, Olympia, Königshochzeit, EXPO, ...) ablenken, statt anstehende Probleme in die Hand zu nehmen. Außerdem unterscheide ich nochmal ein selbst gestaltetes Ereignis von diesem Top-Bottom-Event, wo die Einzelnen als Zahnrädchen in einer riesigen Konsum-Maschinerie angesehen werden. Und das ganze unter einem Anstrich von Völkerverständigung und sportlichen Ehrgeiz. Es gibt ja diesen alten Spruch, auf den ich in meinem letzen Blogeintrag anspielen wollte. Anscheinend wird heutzutage Versucht die Masse ausschließlich mit den "Spielen" bei Laune zu halten.

Abschließend möchte ich nochmal betonen, dass ich jeder Person, welche während und durch die WM eine schöne Zeit hatte, gefiebert, getrauert, neue Menschen aus vielleicht ganz entfernten Gegenden kennengelernt hat, diese Erlebnisse nicht vergrätzen möchte. Ich habe auch kein Problem damit, wenn jemand zu Deutschland oder wem auch immer hält (auch ich hatte meine Lieblinge). Und ich bezweifle nicht, das auch unter so denkbar fragwürdigen Bedingungen wie der WM Austausch und Verständigung funktionieren kann. Doch kann mir niemand meine eigenen Überlegungen versagen und ich möchte eher auf allgemeine Zusammenhänge hinweisen statt dieses konkrete Ereignis zu beflegeln. Dafür ist mir die WM an sich eben doch zu unwichtig.