Heute habe ich es nach langer Zeit endlich mal wieder in die Barrikade nach Moers geschafft. Grund war die Vorführung des Filmes "Why Men Don’t Talk About Their Penises" mit anschließender Diskussion. In dem Film sprechen unterschiedlichste Personen, meist Männer, über Penisse. Aus der Einladung:

Eine kleine Doku über Männer* und ihre Penisse mit Männern*, Männern*, die vorher Frauen* waren und Frauen*, die vorher Männer* waren, mit nackten Männern, mit angezogenen Männern, mit Männern, die ihren Penis zeigen, und Männern, die ihren Penis verstecken, und Männern, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie einen Penis haben.

*das ist rein organisch gemeint

Der Film besteht fast ausschließlich aus Interviews, manchmal erklärt ein "Wissenschaftler" etwas zur Sprache und Wortwahl und kleine Clips die das ganze abrunden und zwischen den Themen überleiten. Die Fragen beschäftigen sich mit Aufwachsen, Beziehung zum Penis, Masturbation, Sex, Größe, Potenz, Krankheiten und Aufklärung (an mehr erinnere ich mich nicht). Beantwortet werden diese Fragen von drei Kumpels aus einer Studentenverbindung, zwei Brüdern, einem Pornodarsteller, von Leuten mit großen Penis und solchen mit sehr kleinem, einem Querschnittsgelähmte, Jungen und Alten, einer Frau, die mal ein Mann war und ein Mann der mal eine Frau war, Potenten und Impotenten. Außer die Dreier-Gruppen und den Brüdern sind alle alleine. Manchmal angezogen, manchmal nackt in ganz unterschiedlichen Posen. Einige zeigen Ihren Penis, andere nicht.

Leider beantwortet der Film die eigentliche Frage nicht: Warum reden Männer nicht über Ihren Penis? Denn das haben sie doch ununterbrochen gemacht. In der darauf folgenden Diskussion kamen uns folgende Gedanken, Schlussfolgerungen, Ansichten etc. auf: Männer reden schon viel über Ihren Penis, aber nur oberflächlich, witzelnd, prahlend und selten ernsthaft. Über Sexualität und Geschlechtsteile wird an sich wenig gesprochen. Zwar ist in der Öffentlichkeit mehr Nacktheit, Sex, Sexismus whatever präsent, aber dieser ist sehr normativ, idealisiert. Es wird nicht darüber gesprochen, aus Angst anders zu sein, nicht der Norm zu entsprechen, nicht Leistungsfähig zu sein, aus Scham oder aus Vorsicht/Rücksicht vor dem Schamgefühl der anderen.

Als weitere Schwäche des Filmes, wurde das größtenteils fehlende Aufbrechen üblicher Denkweisen, Sexualitätsnormen etc. gesehen. Zwar gab es vereinzelt Relativierungen oder andere Sichtweisen, aber viele der Interview-Partner antworteten doch sehr typisch bzw. machohaft. Auch der durch die Einladung erwartete Transgender/Gender dekonstruirende Ansatz wurde sehr vermisst. In dem Zuge kam es noch zu einer längeren Diskussion zum Thema Gender, Geschlechtsunterschiede, Kategoriendenken. Während die einen das Denken in den binären Kategorien männlich/weiblich ablehnten, verwiesen andere auf vorhandene Unterschiede. Hier hatte ich aber das Gefühl, dass beide Seiten etwas aneinander vorbeiredeten. Denn letztere Gruppe sah in der Unterschieden natürlich keine Wertigkeit und auch nicht als relevant für irgendwelche Schlussfolgerungen. Die erste Gruppe wiederum wollte gar nicht Unterschiede verleugnen, sondern auf den fließenden Übergang und die vermutete soziale Bedingtheit der Unterschiede aufmerksam machen. Vor allem das Ablehnen der harten, als willkürlich empfundenen Einteilung in eine der beiden Kategorien. Am Ende kam mensch aber doch wieder halbwegs auf einen Nenner, da der Konsens (aus meiner Sicht) mit Menschen sind halt unterschiedlich, und Geschlecht ist nur eine von vielen und nicht der Unterschied schlechthin, es gäbe eben auch Zwischenstufen, sowie "typisches" Verhalten sei weitestgehend gelernt. Auch wurde darauf hingewiesen, dass es biologisch gesehen nicht mal Eindeutig sei, was aber gerne unterschlagen wird. So gäbe es zum neben den klassischen genetischen Konstellation (SRY-Gen im 23. Chromosomenpaar) XX (weiblich) und XY (männlich) auch XXY, sowie Menschen mit mehreren Geschlechtern (Ergänzung: Auch ohne eindeutiges Geschlecht oder umgekehrten Geschlechtern im Bezug auf ihr chromosomales Geschlecht).

In etwas kleinerer Runde kamen wir noch auf persönliche Erfahrungen mit Aufklärung, eigene Pubertät, ersten Sex und selbstverständlich/sogar auf das scheinbar ganz heikle Thema wie wichtig die Größe ist oder auch nicht, sowohl für die (anwesenden) Männer und Frauen (siehe * oben). Aufgrund des erwähnten erwähnten gesellschaftlichen Einflusses und normativen Druckes werde ich die ganz interessanten Punkte hier leider nicht ausführen ;).