Fri, 31 Aug 2007
War da was mit Fremdenfeindlichkeit?
Habt Ihr das auch bemerkt? Erst die große Aufregung und Entsetzen um den ausländerfeindlichen Stadtfest-Mob in Mügeln. Und dann diskutieren CDU und SPD plötzlich über ein NPD-Verbot. Und dann versinkt das Thema auch schon wieder im sich langsam schließenden Sommerloch, denn die Kanzlerin ist ja bei den chinesischen Hackern zu Besuch...
Ich finde die NPD wahrlich ekelerregend und auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ein Verbot sinnvoll ist, doch irgendwie dafür. Aber wenn es doch angeblich keine rechte Szene in Mügeln gibt, wäre nicht jetzt der Zeitpunkt sich mit Rassismus in der gesamten Gesellschaft zu beschäftigen? Mindestens bei Union, SPD und Linkspartei sind fremdenfeindliche Ressentiments vorhanden und werden bestenfalls aus Partei-taktischen Gründen genutzt (schlimmstenfalls aus Überzeugung). Ob nun Chinesen die Milch klauen, Inder die Arbeitsplätze nehmen, Moscheebauende Muslime entfremden oder Afrikaner Europa überrennen, vielerorts wird die Angst vor dem Fremden geschürt oder bedient. Mal wird die angebliche Gefahr subtil, andermal deutlich propagiert. Und die Lösungen lauten Leitkultur, Grenzen, Abschottung, Einschränkungen der Freizügigkeit und Entsagen von Grundrechten. Oft wird dieses als Natürlich und Notwendig dargestellt.
Ich halte die NPD für menschenverachtend, aber wo ist die Diskussion über rassistische Gesetze? Welchen vernünftigen Grund gibt es, dass ein "Ausländer" hier nicht leben und arbeiten darf? Sklavenhalter haben auch u.a. mal damit argumentiert, ihre Baumwollplantagen seien ohne Sklaven wirtschaftlich nicht rentabel. Wo stößt das ebenso menschenverachtende Verhalten von Abschiedebehörden auf breite Empörung und Widerstand, wenn Menschen in Unterdrückung, Folter und Tod abgeschoben werden. So wurde Irakis der Asylstatus entzogen und im Prinzip droht ihnen eine Abschiebung. Iranischen Homosexuellen wird geraten, ihre Sexualität nicht auszuleben, dann würde ihnen im Iran keine Gefahr drohen. Eine lesbische Iranerin ist gerade akut gefährdet von einer Abschiebung und ihr droht im Iran die Steinigung (Sie wurde in Abwesenheit verurteilt).
Aber das alles wäre ja zu anstrengend. Würde ja ein schlechtes Bild auf die guten Deutschen werfen. Vielleicht würde es gar die eigenen Sympathien mit Deutschtümmelei und Nationalismus aufwerfen. Da ist es doch wesentlich bequemer kurz und heftig über die NPD zu fachsimpeln.
Ich halte es da lieber mit Klaus Pokatzky im Satirischen Wochenrückblick (Corso):
"Was ist eigentlich das Schlimmste an Mügeln? Die betrunkene Straße, die Inder jagt oder der nüchterne Bürgermeister, der sagt ausländerfeindliches Gegröle könnte jedem mal über die Lippen kommen?"
Thu, 07 Jun 2007
Ein paar Links zum G8
Ich bekomme gerade nicht viel Mainstream-Medien mit, aber gehen die immer noch so ab? Scheint so:
- Stefan Niggemeier: Chronologie einer Falschmeldung
- Telepolis: Opferzahlen der Randale in Rostock weit übertrieben?
- Der Spiegelfechter: Coulrophobie in den Medien
- Indymedia: Staatlich bezahlter Provokateur enttarnt
Wer mal andere Nachrichten sehen will, G8
TV macht ganz gute Arbeit. Zwar nicht 100% Professionell, aber sehr kreativ
und weitestgehend an unsere Medienkonsumgewohnheiten angepasst. So eine Arte
Anti-G8-Tagesthemen, mit Moderatoren, Interview-Gästen und mehr.
Natürlich gibt es auch bei Indymedia
aktuelle Beiträge, Ticker und Features/Specials in mehreren Sprachen. Die
Qualität - besonders im Open Posting, aber auch Newswire - schwankt aber stark.
Zur Frage nach, was der schwarze Block eigentlich ist, verweise ich auf diese seriöse Berichterstattung.
Voll und ganz in der Sache Militanz kann ich mich dem guten, alten Ghandi anschließen, welcher freundlicherweise auch einen grandiosen Soundtrack empfiehlt.
Für die Juristen unter Euch: Es ist nicht Zweifelsfrei ausgeschlossen, dass dieser Beitrag Ironie, Zynismus, Sarkasmus oder andere Stilmittel enthält. Vor dem Verwenden von Rechtsmitteln konsultieren Sie bitte den Satiriker oder Linguisten Ihres Vertrauens.
Mon, 12 Feb 2007
Why Men Don’t Talk About Their Penises
Heute habe ich es nach langer Zeit endlich mal wieder in die Barrikade nach Moers geschafft. Grund war die Vorführung des Filmes "Why Men Don’t Talk About Their Penises" mit anschließender Diskussion. In dem Film sprechen unterschiedlichste Personen, meist Männer, über Penisse. Aus der Einladung:
Eine kleine Doku über Männer* und ihre Penisse mit Männern*, Männern*, die vorher Frauen* waren und Frauen*, die vorher Männer* waren, mit nackten Männern, mit angezogenen Männern, mit Männern, die ihren Penis zeigen, und Männern, die ihren Penis verstecken, und Männern, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie einen Penis haben.
*das ist rein organisch gemeint
Der Film besteht fast ausschließlich aus Interviews, manchmal erklärt ein "Wissenschaftler" etwas zur Sprache und Wortwahl und kleine Clips die das ganze abrunden und zwischen den Themen überleiten. Die Fragen beschäftigen sich mit Aufwachsen, Beziehung zum Penis, Masturbation, Sex, Größe, Potenz, Krankheiten und Aufklärung (an mehr erinnere ich mich nicht). Beantwortet werden diese Fragen von drei Kumpels aus einer Studentenverbindung, zwei Brüdern, einem Pornodarsteller, von Leuten mit großen Penis und solchen mit sehr kleinem, einem Querschnittsgelähmte, Jungen und Alten, einer Frau, die mal ein Mann war und ein Mann der mal eine Frau war, Potenten und Impotenten. Außer die Dreier-Gruppen und den Brüdern sind alle alleine. Manchmal angezogen, manchmal nackt in ganz unterschiedlichen Posen. Einige zeigen Ihren Penis, andere nicht.
Leider beantwortet der Film die eigentliche Frage nicht: Warum reden Männer nicht über Ihren Penis? Denn das haben sie doch ununterbrochen gemacht. In der darauf folgenden Diskussion kamen uns folgende Gedanken, Schlussfolgerungen, Ansichten etc. auf: Männer reden schon viel über Ihren Penis, aber nur oberflächlich, witzelnd, prahlend und selten ernsthaft. Über Sexualität und Geschlechtsteile wird an sich wenig gesprochen. Zwar ist in der Öffentlichkeit mehr Nacktheit, Sex, Sexismus whatever präsent, aber dieser ist sehr normativ, idealisiert. Es wird nicht darüber gesprochen, aus Angst anders zu sein, nicht der Norm zu entsprechen, nicht Leistungsfähig zu sein, aus Scham oder aus Vorsicht/Rücksicht vor dem Schamgefühl der anderen.
Als weitere Schwäche des Filmes, wurde das größtenteils fehlende Aufbrechen üblicher Denkweisen, Sexualitätsnormen etc. gesehen. Zwar gab es vereinzelt Relativierungen oder andere Sichtweisen, aber viele der Interview-Partner antworteten doch sehr typisch bzw. machohaft. Auch der durch die Einladung erwartete Transgender/Gender dekonstruirende Ansatz wurde sehr vermisst. In dem Zuge kam es noch zu einer längeren Diskussion zum Thema Gender, Geschlechtsunterschiede, Kategoriendenken. Während die einen das Denken in den binären Kategorien männlich/weiblich ablehnten, verwiesen andere auf vorhandene Unterschiede. Hier hatte ich aber das Gefühl, dass beide Seiten etwas aneinander vorbeiredeten. Denn letztere Gruppe sah in der Unterschieden natürlich keine Wertigkeit und auch nicht als relevant für irgendwelche Schlussfolgerungen. Die erste Gruppe wiederum wollte gar nicht Unterschiede verleugnen, sondern auf den fließenden Übergang und die vermutete soziale Bedingtheit der Unterschiede aufmerksam machen. Vor allem das Ablehnen der harten, als willkürlich empfundenen Einteilung in eine der beiden Kategorien. Am Ende kam mensch aber doch wieder halbwegs auf einen Nenner, da der Konsens (aus meiner Sicht) mit Menschen sind halt unterschiedlich, und Geschlecht ist nur eine von vielen und nicht der Unterschied schlechthin, es gäbe eben auch Zwischenstufen, sowie "typisches" Verhalten sei weitestgehend gelernt. Auch wurde darauf hingewiesen, dass es biologisch gesehen nicht mal Eindeutig sei, was aber gerne unterschlagen wird. So gäbe es zum neben den klassischen genetischen Konstellation (SRY-Gen im 23. Chromosomenpaar) XX (weiblich) und XY (männlich) auch XXY, sowie Menschen mit mehreren Geschlechtern (Ergänzung: Auch ohne eindeutiges Geschlecht oder umgekehrten Geschlechtern im Bezug auf ihr chromosomales Geschlecht).
In etwas kleinerer Runde kamen wir noch auf persönliche Erfahrungen mit
Aufklärung, eigene Pubertät, ersten Sex und selbstverständlich/sogar auf das
scheinbar ganz heikle Thema wie wichtig die Größe ist oder auch nicht, sowohl
für die (anwesenden) Männer und Frauen (siehe * oben). Aufgrund des erwähnten
erwähnten gesellschaftlichen Einflusses und normativen Druckes werde ich die
ganz interessanten Punkte hier leider nicht ausführen
.
Tue, 19 Dec 2006
Dabei hatte ich mir doch fest geschworen, nie mehr vor Mittag aufzustehen
Aus gegebenem Anlass:
Wir brauchen keine Arbeit, wir haben immer was zu tun, und Langeweile ist ein Job von 8 bis 4, den niemand haben will, ein Kasten Bier nach Feierabend macht uns sicher, hält uns warm, und hindert uns daran, endlich einzusehen, daß Arbeit uns nur unsere Zeit stiehlt, und unsere Ideen. Dabei hatte ich mir doch fest geschworen, nie mehr vor Mittag aufzustehen.
Bernadette La Hengst, Nie mehr vor Mittag, aus La Beat, 2005
Von dem Song werde ich nimmersatt.
Update: Da Bernadette nix dagegen hat, gibt es den Song auch zum download. Die Platte ist aber sicherlich die knapp 5% Eures ALG II wert.
Wed, 05 Jul 2006
Plumpe Deutschland-Phobie?
Auf Grund einiger zweifelnder Blicke befürchte ich ein wenig missverstanden worden zu sein. Daher noch ein paar weiterführende Gedanken.
Zuallererst leugne ich mein kleines Spießertum nicht. Mich nerven hupende Auto-Korsos und gröllende, betrunkene Fans. Die formale Meinungsfreiheit gestattet es mir darüber zu meckern, (fast) wie es mir beliebt. Offensichtlich sind meine Äußerungen folgenlos und daher bitte ich in diesem Punkt mit mir etwas Nachsichtig zu sein, auch wenn meine egoistische Häme als gemein erscheinen mag.
Was mich aber an der WM stört ist mehr. Zum einen wird, mehr oder weniger schleichend, ein neuer Nationalismus eingeführt. Wir Deutschen machen eine tolle WM. "Wir" werden Weltmeister (oder auch nicht). Aber ist die Welt wirklich zu Gast bei Freunden? Es sind Freunde, welche den 20jährigen Züheyir Eke kurz vor der WM in Essen verhafteten, um ihn nochmals in die Türkei abzuschieben. Züheyir kann kein türkisch und hat 18 Jahre in Deutschland gelebt. Ein freundliches Deutschland, welches bei rassistischen Überfällen immer noch die Taten relativiert. Ein moderner Staat, welcher sich weigert verurteilte SS-Kriegsverbrecher nach Italien auszuliefern oder ihnen hierzulande den Prozess zu machen. Ich könnte so weitermachen. Sind denn nun kollektive Vorwürfe an die Deutschland-Fans berechtigt? Ich denke schon. Wer sich am "nationalem" Sieg (oder auch der Niederlage) labt und auf das Konstrukt einer Nation setzt, muss auch die Verantwortung für Handlungen dieses Konstruktes (in einem gewissen Sinne) tragen. Wer a sagt muss auch b sagen. Damit will ich aber nicht all jene, die sich als "Deutsche" begreifen Nationalismus, Rassismus und einen undifferenzierten Umgang mit der NS-Zeit vorwerfen, sondern die Tragweite ihrer Identifikations-Entscheidung deutlich machen. Warum sollte ich mich der Gruppe der "Deutschen" oder "Iraner" zugehörig fühlen. Was verbindet mich mit diesen Menschen. Lieber definiere und identifiziere ich mich über gemeinsame Erfahrungen, Ideen, Meinungen, aber auch einem kulturellen Hintergrund. Letzteres muss (und sollte) nicht an Sprache und Geographie gebunden sein. Warum sollte ich mir meine Peer-Group per Geburt oder Wohnort aufzwängen lassen? Das heißt aber nicht, das ich meine Herkunft verleugne oder nicht halbwegs weiß in welchem Kontext ich lebe. Es ist nur eben nicht an eine Nation gekoppelt.
Ein weiteren Aspekt, den ich auf Grund der Komplexität und bereits fortgeschrittenen Länge dieses Textes nicht weiter ausführen möchte, betrifft die soziale Funktion von der Weltmeisterschaft. Abgesehen davon, dass sie ein enorme Summe Geld kostet, damit andere Leute wiederum eine unheimliche Summe Geld verdienen können bietet sie einen sehr praktischen Katalysator. Für wenige Wochen vergessen "wir" unsere Sorgen und hoffen, feiern und trauern über ein eigentlich nebensächliches Ereignis. Zukunft, Situation, Ausbeutung, Ängste, Nöte, all das rückt in den Hintergrund, weil die WM wichtiger ist (und ich nehme mich davon nicht aus). Sicherlich ist die WM nicht das einzige Ereignis welche diese Funktion erfüllt. Sicherlich lässt sich der Vorwurf auch gegenüber Fernsehen, Büchern und Musik formulieren und solche Ventile sind auch bitter nötig. Nur halte ich es langfristig nicht für positiv, wenn Menschen sich mit solchen, meiner Meinung nicht ganz zufällig organisierten, Ereignissen (WM, Olympia, Königshochzeit, EXPO, ...) ablenken, statt anstehende Probleme in die Hand zu nehmen. Außerdem unterscheide ich nochmal ein selbst gestaltetes Ereignis von diesem Top-Bottom-Event, wo die Einzelnen als Zahnrädchen in einer riesigen Konsum-Maschinerie angesehen werden. Und das ganze unter einem Anstrich von Völkerverständigung und sportlichen Ehrgeiz. Es gibt ja diesen alten Spruch, auf den ich in meinem letzen Blogeintrag anspielen wollte. Anscheinend wird heutzutage Versucht die Masse ausschließlich mit den "Spielen" bei Laune zu halten.
Abschließend möchte ich nochmal betonen, dass ich jeder Person, welche während und durch die WM eine schöne Zeit hatte, gefiebert, getrauert, neue Menschen aus vielleicht ganz entfernten Gegenden kennengelernt hat, diese Erlebnisse nicht vergrätzen möchte. Ich habe auch kein Problem damit, wenn jemand zu Deutschland oder wem auch immer hält (auch ich hatte meine Lieblinge). Und ich bezweifle nicht, das auch unter so denkbar fragwürdigen Bedingungen wie der WM Austausch und Verständigung funktionieren kann. Doch kann mir niemand meine eigenen Überlegungen versagen und ich möchte eher auf allgemeine Zusammenhänge hinweisen statt dieses konkrete Ereignis zu beflegeln. Dafür ist mir die WM an sich eben doch zu unwichtig.

prometoys@jwchat.org
Saturn