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Sun, 12 Jun 2005

Die Ruhe vor dem Sturm

Obwohl am Freitag "Plan B" nicht geräumt wurde, ist die Gefahr noch nicht gebannt. Nach Barrikadenbau, Pressearbeit, Demonstrationen und weiteren Aktionen ist derzeit abwarten angesagt. Wie auf Indymedia berichtet, gibt es mittlerweile ein Camp. Nach dem ruhigen Wochenende ist für Montag und Dienstag wieder erhöhte Räumungsgefahr, da die Polizei mit weniger UnterstützerInnen innerhalb der Woche rechnen könnte. Auf dem Camp gibt es Schlafplätze und auch Möglichkeiten zum Zelten. Wenn ihr es einrichten könnt und wollte, kommmt doch auch die nächsten Nächte und Tage zum Platz.

Die Videos zur Räumung des Hausprojektes Yorck59 zeigen wie die Polizei und eine Stadtverwaltung vorgehen kann und ein vergleichbares, wenn nicht gar härteres Vorgehen ist wohl auch bei Plan B zu erwarten. Da der Platz etwas abseits von der Straße liegt und auch die Einfahrt nicht gut sichtbar ist, braucht sich die Polizei auch nicht um kritischen Objektive Sorgen machen.

Unabhängig von der eigenen Anwesenheit gibt viele Möglichkeiten die BewohnerInnen von "Plan B" und deren UnterstützerInnen zu helfen. Neben Sach- und Geldspenden, gibt es die Möglichkeit die etablierte Presse zu beobachten und mit Leserbriefen zu reagieren. Auch ein kritisches Nachfragen bei der Stadtoberhausen, den Fraktionen und anderen vermeintlich "wichtigen" Personen und Gruppen kann nicht schaden.

An Sachspenden können derzeit vor allem Isomatten, Zelte, Decken, Küchentücher, vegane Lebensmittel, Thermoskannen gebraucht werden. Es gibt auch ein Konto für Spenden (10069391 BLZ 36550000, Christoph Ripkens) und ein Info-Telefon (0177/9286626).

Ihr könnt natürlich auch in Eurem Umfeld auf die Problematik hinweisen. Selbst für Leute die ganz woanders wohnen kann es interessant sein, da Freiräume überall bedroht sind. Eine Übersicht gibt ein weiterer Artikel bei Indymedia.

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Wed, 08 Jun 2005

Plan B in Gefahr

Völlig unerwartet war die Polizei am gestrigen Morgen in der Früh war die Polizei und andere getreue Diener der Stadt beim Wagenplatz Plan B "zu Besuch". Plan B soll geräumt werden und die Frist ist lediglich zwei Tage. Ab Freitag 0 Uhr kann die Stadt, nach ihrem Räumungsbecheid jederzeit räumen. In Gesprächen heute mit der Stadt wurde auch klar, dass sie dieses machen wird.

Ich habe keine Lust darauf einzugehen unter welchen fadenscheinigen Gründen die Stadt den Platz räumen will. Es ist klar, dass ein Wagenplatz und unangepasstes Leben nnicht gewünscht sind. Auf Plan B haben Leute sich zusammengeschlossen in einem politischen Wohnprojekt gemeinsam zu leben und die Art und Weise des Lebens und Wohnens selber zu gestalten.

Plan B braucht nun Eure Unterstützung. Wie die Räumung der Yorck59 in Berlin zeigte, schreckt die Stadt nicht vor einer gewaltsamen Räumung mit schwerem Gerät und bestausgerüsteten Sondereinsatzkräften zurück. Hinter der freiheitlichen Fassade ist Repression immer noch Alltag. Selbstbestimmung ist ausser bei der Kapitalanlage unerwünscht und sobald eine Abweichung von der "Norm" zu sichtbar wird, zeigt sich die Intoleranz mit all seinen Facetten.

Was könnt ihr tun, fragt Ihr euch möglicherweise? Neben einer Anwesenheit vor Ort und bei Aktionen, wie zum Beispiel der gestrigen Demonstration oder dem Atkionsfrühstück heute morgen. Derzeit wird der Wagenplatz kreativ umgebaut und Eure handwerkliche Hilfe oder auch Materlial, Nahrung für UnterstützerInnen und alles weitere was notwendig ist um zu verhindern das der Platz geräumt wird. Ich hoffe ihr beteiligt euch im Rahmen eurer Möglichkeiten (der oft größer als gedacht ist) vielfältig, kreativ, aktiv und deutlich an dem Widerstand. Also kommt einfach zum Platz, es gibt auch Möglichkeiten zu übernachten.

Wenn Ihr fragen habt, ruft mich an, schickt mir eine E-Mail oder hinterlasst einen Kommentar. Ich werde bloss nicht soviel online sein wie sonst, da es viel in der realen Welt zu organisieren gibt. Ich habe leider auch keine Zeit mehr diesen Text ordentlich zu verlinken. Ihr findet bei Indymedia genügend Berichte und Hintergrundinfos.

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Tue, 26 Apr 2005

Geht nicht wählen!

Bald ist wieder Landtagswahl in meinem "Heimatland" und ich sehe überall nur ekelerregende Plakate. Und plötzlich redet die SPD von "sozialer Verantwortung" und die Grünen machen wieder Anti-Atom-Werbung. FDP und CDU sind nicht mal erwähnenswert und die WASG irgendwie naiv.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich 1998 euphorisch mit der Spraydose durch mein Kaff zog, um CDU Plakate zu beschmieren und freute mich als endlich Rot-Grün an der Macht war und alles nun sicherlich besser wird.

Was haben wir in den letzten Jahren erlebt? Streichung des Sozialstaates und Kürzungen an allen Ecken. Eine Bildungspolitik, welche von Panik und Unverschämtheit geprägt ist. Hetze gegenüber AusländerInnen, auch aus dem SPD Lager, und radikaler Abbau des Datenschutzes. Vermehrte Abschiebungen, verschärftes Einwanderungsgesetz, Millitäreinsätze und grauenhafter Patritismus ("deutsche Interessen am Hindukusch verteidigen"). Wenn das sich eine konservative Regierung erlaubt hätte, es würde allerorts große Proteste geben. Und wenn es zaghafte Versuche von Protesten gibt, dann werden diese mit einer erschreckenden Propaganda mittels Kommunismus-, Unwissenheits- und Rechtsradikalismusvorwurf durch eine nahezu gleichgeschaltete Medienlandschaft zunichte gemacht.

In den letzten Jahren ist soviel mittels der Drohung "Wenn nicht wir, dann die Konservativen" zerstört worden. Soviele Kröten wurden geschluckt, in der Hoffnung das es bald besser wird. Keine Regierung wird sich ernsthaft um unsere Belange kümmern, keine Wahl wird nennenswerte Veränderungen bringen. Daher bitte ich euch, geht nicht wählen oder wählt ungültig. Was kann an einer konservativen Landesregierung schlimmer sein, als an unserer Landes- oder Bundesregierung.

Ergänzungen

Hilft nicht wählen weiter?

Nicht zu wählen, rumzumeckern und zuhause Fernzusehen ändert natürlich nichts. Die Wahlen von 1998 und 2002 haben aber gezeigt, dass ein wirklicher Wandel per Wahlen nur sehr kurzlebig ist. Heute empfinde ich außer einigen wenigen kosmetischen Korrekturen die allgemeine Lage als wesentlich schlechter, als sie 1998 von mir subjektiv empfunden wurde.

Den Entschluß zu fassen, auf sein Wahlrecht zu verzichten, da es de facto ad absurdum geführt wird, kann aber auch bedeuten, sich mit der Situation, alle paar Jahre seine Stimme ab-zu-geben (im Sinne von weggeben) und dann solange die Schnauze zu halten, nicht mehr zufrieden zugeben. Darauf sollte natürlich auch Selbstorganisation und Handlungen erfolgen, die mehr Handlungfreiraum, Mitbestimmung, Schutz und weiteres einfordern. Ich kann immer nur betonen, dass auf eine Kritik der herrschenden Verhältnisse auch ein konstruktiver Gegenentwurf gestellt werden muss.

Wenn die Wahlbeteiligung bei einer Bundestagswahl bei 30% liegt, kann auch die Frage nach der Legitimität nicht mehr ernsthaft bejaht werden. Dann besteht nicht mal mehr der Schein, wir würden mitbestimmen. Daher der provokante Aufruf, obwohl ich selber möglicherweise die zweite Option wähle, nämlich Ungültig zu wählen.

Ist Sprayen auf Wahlplakaten "pc" oder intelligent?

Natürlich verändert es weder die Wahl, noch die Welt, mit einer Spraydose rote Sterne auf CDU Plakate zu sprühen. Ich habe damals Enthusiasmus gefühlt und wollte unbedingt nicht untätig sein. Und genau das wollte ich mit dieser leicht humoristischen und negativ konnotierten Anmerkung rüberbringen.

Vielleicht ist es ja ein analoger Hack von Wahlplakaten oder kann als basis-demokratische Partizipation im Wahlkampf wahrgenommen werden. Diese Frage kann möglicherweise von Berufsphilosophen und Hobbyjuristen beantwortet werden, aber auf gar keinen Fall vom eigenen Gewissen.

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Sat, 12 Mar 2005

Warum Softwarepatente Sinn machen

Softwarepatente sind erstmal sehr nützlich, zumindest für mich. Ich kann diese als Symbol oder Stellvertreter verwenden um einige Missstände, die ich meine erkannt zu haben, zu analysieren.

Bei den Leuten, die ich mit diesem Text erreichen möchte, sind die Fronten zu diesem Thema klar. Softwarepatente sind böse. Es gibt eine Lobby mit handfesten Interessen, welche mit fadenscheinigen Argumenten versucht noch mehr Geld und Macht in ihre Hände zu bekommen. Diese klaren Fronten - eine sehr praktische Schwarz/Weiß-Welt - macht es mir wesentlich einfacher, mein Anliegen zu erläutern und rüberzubringen. Wenigstens hoffe ich das...

Was die Softwarepatent-GegnerInnen glücklicherweise erkannt haben ist, dass es nicht darum geht durch die Einführung dieser Patente die Welt besser zu machen, Innovation zu fördern, die Wirtschaft zu stärken oder zu mehr Erfindungen im IT-Sektor zu ermutigen. Ihre Kritik basiert hauptsächlich auf dem Argument, dass diese Argumente schlicht falsch sind und das eigentliche Anliegen vertuschen sollen. Um dieses zu verstehen ist ein kleiner Exkurs zur Idee und Realität des Patentsystems unvermeidlich.

Das Patentsystem in der Idee...

Angeblich wurde das Patentsystem eingeführt um Erfinder (Innen wäre an dieser Stelle lächerlich, weil zu der Zeit Frauen in der Küche bleiben sollten) zu ermutigen diese Errungenschaften und das damit verbundene Wissen zu veröffentlichen. Dieser große und noble Schritt wurde mit einem zeitlich begrenztem Monopolrecht auf die Verwertung belohnt. Damit sollten Investitionen refinanziert werden können und ein Schutz vor parasitären Abstaubern gegeben sein. Hört sich doch erstmal toll an, wo ist also das Problem?

... und der Realität

Die Probleme ergeben sich daraus, dass heute (vielleicht auch schon früher) Patente eine Quasi-Währung und Instrument zur Machtausübung sind. Das Problem der Technizität, also ab welcher Komplexität eine Erfindung "patent-würdig" ist, halte ich für eine irrelevante Detailfrage.

Wie schon Robert Barr, seines Zeichens Patentanwalt bei Cisco, gegen über der Federal Trade Commission (US-amerikanische Bundeshandelskommission) äußerte (DOC), führen Patente nicht zu Innovation. Sie dienen dazu, gewisse Häppchen vom Markt zu sichern und diese in Verhandlungen als Portfolio und Verhandlungsgrundlage anzubieten. Zudem können bei Patentverletzungen die eigenen Patente als Tauschmittel angeboten werden. Viele vermeintlich stark konkurrierende Firmen wie etwa AMD und Intel betreiben ein solches "Cross Licsensing", also eine gegenseitige Erlaubnis die Patente des jeweils anderen zu nutzen. Dadurch werden in solchen Verhandlungen jene benachteiligt, die kaum oder keine Patente verfügen. Nach Barr's Aussage war Cisco's Motivation Patente zu erhalten, ein solches Arsenal an Verhandlungshilfe und Gegenwaffen zu haben und nicht um eine einzige technische Entwicklung zu schützen.

Des weiteren werden Patente auch gerne verwendet um unliebsame Konkurrenten zu verdrängen, wenn nicht gar auszuschalten. Adobe konnte mit Erfolg ihr Patent auf schwebende Paletten gegenüber Hauptfeind Macromedia geltend machen. Seit dem haben die Macromedia Programme eine etwas unpraktische Oberfläche. An dem freien Grafik-Programm Gimp wird meistens kritisiert, dass es keine Unterstützung für den CMYK-Farbmodus bietet. Dieses liegt aber nicht an der programmiertechnischen Unfähigkeit der Gimp-ProgrammiererInnen, sondern den rechtlichen Problemen aufgrund patentierter CMYK-Methoden. Somit kann und wird das Patentsystem darauf verwendet, Konkurrenten oder Gruppen aus einer erlauchten Runde auszuschließen.

Aus dem vorangegangenem wird hoffentlich offensichtlich, dass es bei Patenten nicht darum geht irgendjemanden vor irgendetwas zu schützen, sondern ein Machtinstrument in der Hand zu haben, mit denen Beziehungen gestaltet und kontrolliert werden können.

Die Rolle der Patentämter

Ein weiteres problematisch Konstrukt sind die Patentämter. Diese erhalten Geld um Patentanträge zu prüfen und neue Patente zu erteilen. Der klassische Punkt der wirtschaftlichen Abhängigkeit ist schon mal vorhanden. Des weiteren ist es für eine/einen MitarbeiterIn im Patentamt wesentlich komfortabler ein Patent zu erteilen, statt dieses begründet und anfechtbar abzulehnen. Daher kann schon strukturell kein Interesse bei den Patentämtern bestehen, die vermeintlich gutgemeinten Qualitätskriterien ansatzweise durch zuziehen. Selbst wenn Sie dieses versuchen würden, wären Patente als Druck- und Machtmittel weiterhin vorhanden. Sie wären lediglich nicht ganz so einfach zu ergattern, aber die Kreativität beim Lücken finden sollte nicht unterschätzt werden.

Warum die Kritik weitergehen muss

Soweit nichts Neues. Ich unterscheide nun aber nicht zwischen Patenten, Softwarepatenten und so genannten Trivialpatenten (Wenn mensch in einen Hundehaufen tritt interessiert es auch nicht ernsthaft wie groß dieser war, es ist nun mal Scheiße). Die Unterscheidung zwischen diesen wird gerne, besonders von den Befürworten genutzt, um zu suggerieren, das es ein faires System, einen fairen Markt gibt. Dem ist aber nicht so. Es geht darum, Macht, Kapital und Profitabschöpfung zu konzentrieren und maximieren. Bevor ich als paranoid und Anti-Kapitalist (Danke) abgetan werde, sollten die Finanzgesetze, Globalisierung, Marktmechanismen und die alltägliche Realität reflektiert werden. Sprüche wie "Softwarepatente schaden dem deutschen Mittelstand" bringen uns nicht weiter. Diese Missstände sind keine Krankheit, ein Irrweg des Systems, sondern Teil des Planes. Natürlich muss jemand vor dem anderen geschützt werden, aber nicht der große Fisch vor dem kleinen, sondern umgekehrt.

Die Frage muss daher lauten, warum ist ein solcher Schutz notwendig. Was ist die Ursache und wie kann diese beseitigt werden. Warum muss jemand sich darum Gedanken machen, wie Investitionen zurück fließen können oder wovon sich die Person ernährt. Vielleicht liegt der Fehler nicht darin, dass jemand Plagiate erstellen könnte, sondern das beim Prinzip der Gewinnmaximierung Leute auf der Stecke bleiben können (sprich im wahrsten Sinne des Wortes "verrecken"). Wenn ich mir nicht Sorgen machen muss, wie ich morgen was zu Essen auftreiben kann, ist es mir vielleicht auch egal, wer meine Erfindung ausnützt oder ich nehme dieses dann gar nicht mehr als solches wahr, sondern betrachte es als teilen.

Ich bin mir über die utopische Komponente meiner Gedankengänge im klaren, aber Utopie ist relativ und kein logischer Fehler. Ich finde es auch gut, kurzfristig gegen neue Gesetze, welche die fürchterliche Lage noch schlimmer machen, zu mobilisieren um diese zu verhindern. Aber meiner Meinung nach ist es wichtig diese Gedanken und Aspekte nicht aus dem Blickfeld zu verlieren, weder während der Proteste, noch wenn das kurzfristige Ziel erreicht oder gescheitert ist.

Willkommen in der Demokratie

Nun engagieren sich die GegnerInnen seit mehreren Jahren und konnten mehrfach erfolgreich gegen Softwarepatente vorgehen. Trotzdem sehen sie sich einer scheinbar übermächtigen Lobby entgegen, die mit miesen Tricks und guten Beziehungen trotzdem ihre Pläne durchzudrücken scheint. Naiv und verwundert werden T-Shirts gedruckt mit "Power to the parliament". Dabei darf nicht vergessen werden, dass Parlamente in ihrer ursprünglichen Idee dafür gedacht waren, die Meinungsverschiedenheiten der gutbetuchten aufstrebenden bürgerlichen Schicht zu klären und dieser Mitspracherecht gegenüber Adel und König zu gewähren. (Ein Ausgleich zwischen den Interessen der Unterschicht und der Mittel- wie Oberschicht war nicht vorgesehen und jegliche Versuche in diese Richtung sind in den letzten 100 Jahren auf kurz oder lang gescheitert). So heftig ist heutzutage nicht mehr, jede Person darf unabhängig von Einkommen und Geschlecht wählen (vorausgesetzt sie ist ein guter Deutscher/EU-Bürger). Aber in der Demokratie haben jeher Interessengruppen geherrscht und nicht "das Volk". Ob nun alte Macht-Cliquen oder neue. Der Chef von Siemens (VW, Microsoft,...) hat nicht nur eine Stimme alle vier Jahre, sondern kann auch mit allerhand, vorzugsweise entziehen von Arbeitsplätzen und steuerpflichtigem Einkommen, drohen. Ich hatte noch keine Audienz beim Kanzler und vermutlich hat dieser eher eine bei Herrn Heinrich von Pierer. Demokratie bedeutete jeher den Massen eine scheinbare Macht zu geben, weil es billiger, effektiver und einfacher ist, als sie zu unterwerfen und im gleichen Atemzug zu manipulieren und ihren Einfluss zu beschränken. Je nach Zeit, Möglichkeiten und Notwendigkeit wahlweise durch Kirche, RTL, Wahlgesetze oder -fälschungen.

Es ist daher kein Skandal, wenn sich die Kommission (selbst aus Demokraten-Sicht sollte die Hierarchie der EU sehr fragwürdig erscheinen) und die Regierungschefs einfach über den Willen des Parlaments oder gar des Auftraggebers namens "Volk" hinwegsetzen. Es ist ebensowenig verwunderlich, dass Patentämter "ohne rechtliche Grundlage" seit Jahren Softwarepatente erteilen um vollendete Tatsachen zu schaffen. Das ist nun mal deren Aufgabe und die Regeln sind ihre. Diese werden gebogen und umgedeutet, wann immer es nötig ist und irgendein Ministeriumsmitarbeiter findet schon eine kreative Ausrede ("A Punkte wurden schon immer durchgewunken"). Zweck von Verfahrens- und Formfehlern ist nicht die vernünftige Entscheidung, sonder ein Teil des Brechen- und Biegenprogramms. Schließlich muss ein Krieg durchgesetzt oder die Wirtschaftsordnung aufrecht bzw. "verbessert" werden. Daher ist meine Forderung nicht "Power to the parliament", sondern "Power to the coders, to the street, to the people". Hört sich hippieesque an? Mag sein, aber dem Großteil der ParlamentarierInnen würde ich nicht mal das Klo meiner Katzen anvertrauen. Warum sollte ich denen also anvertrauen, wie ich zu leben habe und warum sollte das jemand mir anvertrauen, wenn ich in irgendeiner Machtposition bin. Wenn, dann können wir nur uns das nur selbst anvertrauen und gegenseitig, auf gleicher Augenhöhe aushandeln. Ist kompliziert und anstrengend, aber Effektivität ist nicht das Maß aller (irgendwelcher) Dinge.

Wir könnten nun davon ausgehen, dass sich die Softwarepatente nur einreihen in eine Reihe von Entwicklungen der letzten Zeit, welche die Situation zu Gunsten der derzeit Stärkeren zu verschärfen. Softwarepatente haben aber eine besondere Tragweite, die sie von Reformen der Sozialkassen, Hartz, Anforderungen an ArbeitnehmerInnen, neuer Gnadenlosigkeit gegenüber wirtschaftlich schwächeren Ländern und "neuer Weltordnung" heraus sticht.

Patente und freie Software

In einem anderen Artikel erwähnte ich die Notwendigkeit von kreativen Gegenentwürfen. Es macht keinen Sinn, das alles zu kritisieren, ohne sich aktiv auf eine Alternative zuzubewegen. In den letzten 30 Jahren hat sich im Computerbereich ein Gegenentwurf herausgebildet, der in den letzten Jahren sehr populär geworden ist. Freie Software ist für mich digitale Anarchie (im eigentlichen Sinne, nicht dem umgangssprachlichen). Sowohl in den beiden Hauptströmungen mit Selbstschutz (GPL) und ohne (BSD) bietet sie die Möglichkeit zur freien und gleichberechtigten Kooperation. Gefällt mir etwas nicht innerhalb eines Projekte, so kann ich ohne größere Nachteile mein eigenes Ding drehen. Solche Trennungen haben sich immer wieder als sehr positiv herausgestellt, wie z.B. Inkscape (Sodipodi-Fork) zeigte. Die Quellen sind verfügbar und ich habe das Recht zu ändern, lernen und weiterzuverbreiten wie ich mag. Somit ist weder Zugang zu Ressourcen, Wissen noch "dem Markt" verwehrt. Dieses Prinzip freier und diskriminierungsloser Kooperation hat dazu geführt, das sich binnen kürzester Zeit (nachdem eine gewisse Hemmschwelle vor 10 Jahren überschritten wurde) rasant, flexibel und vielfältig weiterentwickelt hat. Und die kapitalistischen Trittbrettfahrer wie SUN, IBM oder Apple stören nicht wirklich, denn sie können mich nicht einschränken. Und in einem Teil der Fälle lässt sich schon in diesem kruden Wirtschaftssytem der Magen zufrieden stellen.

Meiner Meinung nach ist dieses Prinzip der Kooperation im digitalem nahezu unaufhaltsam und "exponentiell" (im metaphorischem, nicht im mathematischem Sinn). So lässt Wikipedia den Duden-Verlag bereits nach vier Jahren schlottern und kaum ein System hat sich so schnell und weit verbreitet in den letzten Jahren wie GNU/Linux. Apple weiß das, IBM weiß das, SUN weiß das und vor allem weiß das Microsoft. Wenn proprietäre Software in naher Zukunft noch Bestand haben will, dann müssen sich diese was einfallen lassen, denn technisch, gesellschaftlich und psychologisch spricht alles für freie Software. Das größte Gift für ein Unternehmen, einen Herrscher oder anderen, die aus Abhängigkeitsverhältnissen ihre Vorteile ziehen ist Autonomie. Wenn Behörden, Firmen, Einrichtungen und Privatpersonen nicht mehr von der Vorgabe einer zentralen Stelle, einem Monopol oder einer Oligarchie abhängig sind, dann ist es schwer diese auszubeuten. Wenn sich aber weder technisch, noch mit Marketing (Propaganda) oder gar mit Kapital (weder GNU, ASF noch BSD lassen sich aufkaufen), also mit Mitteln des "freien Marktes" diese revolutionäre Bewegung aufhalten lässt, dann müssen die Spielregeln geändert werden. Und ab diesem Punkt werden Softwarepatente sehr interessant. Ob mittels trojanischer Pferde, was C#/Mono vorgeworfen wird, oder Trivialpatenten, das Patent- und Urheberrecht ist der Schlüssel um freie Software niederzuschlagen.

Fazit

Wenn wir uns also langfristig vor einer bedrohlichen Einflussnahme schützen wollen, reicht es nicht aus vor Parlamenten zu demonstrieren und hier und dort die GPL von Gerichten bestätigen zu lassen. Das sind notwendige kosmetische Korrekturen. Das dahinter liegende System muss erkannt, bekämpft und vielleicht sogar beseitigt werden, damit so etwas "gefährliches" wie Freie Software auf Dauer bestand hat. Die digitale Komponente macht vieles leichter, vor allem das Teilen, aber wenn die Idee, die Denkstrukturen, die Freiheiten und Arbeitsweise in den analogen, sprich die physische Welt umschlagen, wird es für die herrschenden Verhältnisse gefährlich. Deshalb geht es bei Softwarepatenten sowohl für "die", als auch "uns" um mehr, als nur ein paar geschützte Algorithmen.

Literatur

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Tue, 15 Feb 2005

Theorien und Ausarbeitungen zu Protestformen

Auf der Suche, was "Pink und Silver" eigentlich bedeutet stieß ich auf folgende Webseite mit dem vielversprechenden Titel Protestbewegungen im globalen Kapitalismus, Ich habe mir ein paar Sachen schon durchgelesen oder überflogen, sieht ganz brauchbar aus.

Ich hoffe es regt euch an, ob in euerer Kreativität oder in Form einer kritischen Auseinandersetzung.

Vielleicht kennen ja noch andere ein Paar brauchbare Quellen, mir fällt nur noch dieses, eher traurig-pragmatische Werk und ein weiteres in selbe Richtung, aber mit juristischem Schwerpunkt.

Aber es gibt bestimmt noch mehr und auch inhaltliches.

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Mail-Icon Keywan Najafi Tonekaboni